Als Les Misérables im Oktober 1985 im Londoner Barbican Theatre Premiere feierte, waren die Kritiker gnadenlos. „Zu sentimental", höhnten sie. Doch im Zuschauerraum geschah jede Nacht etwas Außerordentliches: In dem Moment, wenn Fantine nach vorne trat und „I Dreamed a Dream" sang, weinten die Menschen. Die Kritiker lagen falsch, und das Publikum wusste es sofort.

Aufführung des Musicals Les Misérables
Aufführung des Musicals Les Misérables

Von Hugos Roman auf die Bühne

Victor Hugos Roman von 1862 hatte stets eine opernhafte Dimension. Der französische Komponist Claude-Michel Schönberg fand seine Inspiration 1971 bei einer Londoner Aufführung von Oliver!. Gemeinsam mit dem Texter Alain Boublil entwickelte er das Konzept; die Uraufführung fand 1980 in Paris im Palais des Sports statt.

„I Dreamed a Dream" entstand erst spät im Schaffensprozess. Schönberg saß an einem weißen Klavier in seiner kleinen Pariser Wohnung und begann mit einem einzigen Satz aus Hugos Text. Er wollte den genauen Moment einfangen, in dem Fantine begreift, dass alles, worauf sie gehofft hatte, ihr genommen wurde. Die Melodie steigt geduldig an und bricht dann ab — eine perfekte musikalische Metapher für den Zusammenbruch eines Lebens.

Victor Hugos Originalroman Les Misérables
Victor Hugos Originalroman Les Misérables

Die englische Neuerfindung und der unerwartete Triumph

Der britische Produzent Cameron Mackintosh beauftragte Herbert Kretzmer mit der Adaptation für ein englischsprachiges Publikum. Kretzmer verbrachte fünf intensive Monate damit, das Libretto von Grund auf neu zu schreiben. Les Misérables wurde zum längsten Laufzeit-Musical im West End und gewann acht Tony Awards am Broadway.

"Wir spürten, dass wir für Fantine noch ein weiteres Lied brauchen — etwas, das ihre ganze Einsamkeit und ihre zerstörten Träume umfasst."
— Claude-Michel Schönberg, Komponist
Susan Boyle bei Britain's Got Talent
Susan Boyle bei Britain's Got Talent
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Susan Boyle und das Wunder des digitalen Zeitalters

Im April 2009 betrat eine 47-jährige Schottin namens Susan Boyle die Bühne von Britain's Got Talent und sang „I Dreamed a Dream". Publikum und Jury unterschätzten sie zunächst. Dann öffnete sie den Mund. Das Video verbreitete sich viral: innerhalb von 72 Stunden hatte es über 20 Millionen Aufrufe auf YouTube und zählt heute über 200 Millionen. Die Filmadaption von 2012 unter Regie von Tom Hooper brachte das Musical einer neuen Generation nahe. Anne Hathaway gewann den Oscar für die beste Nebendarstellerin. Hugos Fantine weint seit mehr als vier Jahrzehnten auf Bühnen und Bildschirmen. Und sie zeigt keine Anzeichen, damit aufzuhören.

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