Popmusik enthält manchmal Wunder. Wie wenn sich zwei Lieder aus völlig unterschiedlichen Ären die Hand reichen. "Counting Stars" von OneRepublic ist das Ergebnis eines solchen Wunders. Eine Melodie von 1979 aus schwarzen Spirituals traf 2013 auf die Energie moderner Popmusik. Diese unmögliche Kombination faszinierte die Welt.

Von der Hymne zum Pop-Hit
In der Musikgeschichte sind solche Fälle selten. Eine vollständige Transformation eines Liedes über mehrere Generationen hinweg ist ungewöhnlich. Das Original "Counting Stars" war keine Variation einer anderen Hymne, sondern stammte aus einer völlig anderen Abstammung — es war ein Produkt der afroamerikanischen Kirchenmusiktradition.
OneRepublic-Leiter Ryan Tedder entdeckte diese Melodie auf einem alten Kassettenband seiner Großmutter, während er das Lied machte. Er rekonstruierte es mit modernen Beats und Synthie, während er seine wesentliche Seele bewahrte. Deshalb ist "Counting Stars" gleichzeitig sehr klassisch und sehr zeitgenössisch.
"Als ich diese Hymnenmelodie zum ersten Mal hörte, dachte ich, sie sollte Popmusik werden. Aber ich konnte die Seele niemals aufgeben."— Ryan Tedder, OneRepublic
Die Musikvideo-Wendung
Das Musikvideo ist noch interessanter. Es wurde in einer echten Kirche gedreht. Als die Nacht hereinbrach, brach eine Party in dieser Kirche aus. Es scheint die Heiligkeit des religiösen Raums zu verletzen, aber wenn man das ganze Video anschaut, erzählt es eine andere Geschichte. Wenn Tedder und Bandmitglieder in der Kirche tanzen und singen, fühlt es sich wie ein anderer Ausdruck des Glaubens selbst an.
Musikkritiker bewerteten dieses Musikvideo als "einen Versuch, die Grenze zwischen Religion und Säkularem zu verwischen". Damit vermittelten OneRepublic die Botschaft, dass "Erlösung nicht nur in Kirchen existiert, sondern auch in Tanz und Musik". Dies war möglich, weil die zugrunde liegende Melodie bereits diesen Geist trug.
Ryan Tedders Genie
Ryan Tedder ist eines der unterschätzten Genies in der Popmusikgeschichte. Er war erfolgreich mit OneRepublic selbst, aber Lieder, die er für andere Künstler schrieb ("Apologize", "Rumor Has It"), dominierten auch die Pop-Charts. Doch sein Name blieb immer im Hintergrund.
Wenn man sich die Entscheidungen anschaut, die Tedder bei der Herstellung von "Counting Stars" traf, zeigt sich, warum er besonders ist. Den Refrain von "take me to the stars" zu "counting stars" zu ändern, den Beat so modern wie möglich zu machen und gleichzeitig Klavier als Kerninstrument zu halten, das Musikvideo in einer Kirche anzusiedeln — jede Entscheidung klärte die Identität des Liedes.
"Die Zukunft der Popmusik liegt in der Fähigkeit, Dinge aus verschiedenen Zeitaltern zu vermischen. Aber man kann die Identität nicht verlieren, wenn man das tut."— Musikkritiker Jon Pareles
Ein Lied, das durch Zeitschichten führt
"Counting Stars" wird heute nicht nur wegen technischer Vollkommenheit geliebt. Es gibt Zeitschichten im Lied. Die Seele von 1979, die Popstruktur von 2013, und Ihre eigene Zeit vermischt sich beim Zuhören. Jedes Hören berührt ein anderes Zeitalter.
Wenn die moderne Musikproduktion zunehmend momentane Impulse stimuliert, drückt "Counting Stars" in die entgegengesetzte Richtung. Der Akt des Sternezählens selbst transzendiert Zeit. Der Nachthimmel ist in der Antike und Moderne gleich, Sterne sind Licht aus der Vergangenheit, und der Akt, sie zu zählen, ist ewig.